Dating

Wenn du immer wieder in aufreibenden Beziehungen landest, oder wiederholt die selben Erlebnisse mit potenziellen Partner*innen hast, wird es Zeit hinzusehen. So wie deren Verhalten im Grunde nichts mit dir zu tun hat, hat auch deines den Ursprung in den unbewussten Tiefen deines Selbst. Wo liegt dein Anteil? 

Wir alle haben diese unbewusste innere Repräsentation von Verhalten in Beziehungen. Wie muss es sich anfühlen, wie muss der andere sein, damit es klickt? Klick macht es unter anderem dann, wenn die unbewusste innere Repräsentation des Gegenübers genau auf die eigene passt. Das ist ja grundsätzlich eine gute Sache, denn dann stimmt die Chemie. 

Aber es kann auch eine trügerische Sache sein! Nämlich dann, wenn Bindungsunsicherheit ins Spiel kommt und sich die gegensätzlichen Typen „distanziert“, also nähevermeidend, und „verstrickt“, also distanzvermeidend, magisch anziehen (und das tun sie!).  Wenn du oder die andere Person dann noch dazu ausgeprägt distanziert/verstrickt seid, wird das alles sehr aufreibend und vielleicht sogar psychisch ungesund. 
Gleiches gilt, wenn du in eine Verbindung mit einem schwer bindungstraumatisierten Menschen gerätst. Paradoxerweise wirken gerade diese Personen extrem anziehend auf andere. Es wird dich viel Energie und Zeit kosten, da wieder raus zu kommen…

Damit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass dir das – wieder – passiert, sind folgende zwei Dinge sehr wichtig:

1) Mach‘ dir dein unbewusstes Muster bewusst!

Solange du dein eigenes Verhalten nicht verstehst, und deinen eigenen Anteil nicht siehst, wirst du wahrscheinlich immer wieder genau die Personen anziehend finden, mit denen du eine Verbindung eingehen kannst, die dir den vertrauten Schmerz liefert. Betrachte das als eine Art Naturgesetz, aber zum Glück eines, welches man aushebeln kann! Frage dich dazu selbst:

1) Wo sind die möglichen Parallelen zwischen den Personen, mit denen du dich – schmerzhaft – eingelassen hast?
Es gibt sie, ich verspreche es dir.

2) Warum könnte dich genau dieses Verhalten anziehen, was hat das mit dir und einer eigenen Geschichte zu tun?

Das ist ein komplexer, und manchmal auch schmerzhafter, Prozess und vielleicht kannst du dir diese Fragen alleine nicht beantworten. Dabei kann ich dir behilflich sein.

Es lohnt sich sehr es zu wagen da hinzusehen,
denn so bist du irgendwann in der Lage, aus dem eingeprägten Muster auszusteigen,
 und fortan Menschen anziehend zu finden, die dir gut tun.

2) Achte beim Kennenlernen auf bestimmte Verhaltensweisen

Das bedeutet nun natürlich nicht, dass du jeder neuen Person mit Misstrauen begegnen sollst! Das wäre reichlich unfair und du selbst willst ja auch nicht, dass du gleich unter Generalverdacht gestellt wirst.

Behalte dir nur einen realistischen Blick auf den anderen, horche bei gewissen Verhaltenssignalen auf und schau dir das lange genug an, um das fair einschätzen zu können.

Wenn dir dein Bauchgefühl sagt, da hat es was, dann wische das nicht weg, sondern schau kritisch hin. Man ist geneigt das Bauchgefühl zu ignorieren, wenn man nicht glauben will, da läuft was krumm. Es hat aber gerade am Anfang, wenn man noch nicht verliebt ist, recht! Später, wenn dann Gefühle da sind, kann man sich nicht mehr so gut auf das Bauchgefühl verlassen, da es auch die Schmerzpunkte widerspiegelt und man mitunter „überempfindlich“ reagiert. 

Charakteristische Verhaltensweisen  von bindungsängstlichen Personen im Kennenlernprozess

Extreme Ausprägungen davon finden sich vor allem bei Menschen die bindungstraumatisiert sind und/oder Züge einer Persönlichkeitsstörung aufweisen (Borderline, Narzissmus). Leichtere Formen (also Tendenzen) finden sich bei distanzierten und verstrickten Bindungstypen, je nachdem wie stark die Bindungs- und Verlustängste ausgeprägt sind. 

Es gilt die Faustregel: Je ausgeprägter die Verhaltensweisen sind, desto genauer solltest du hinsehen. Auch bei dir selbst!

Die Person überschüttet dich mit Nachrichten und Aufmerksamkeit, bevor ihr euch überhaupt richtig kennt, und auch noch in der ersten Zeit miteinander. Dir wird ständig gesagt wie toll du bist, wie einzigartig, usw. In Extremfällen gibt es hier sogar bereits (absolut verfrühte) Liebesbekundungen.

Das (unbewusste) Ziel ist, den anderen möglichst schnell an sich zu binden, ihn abhängig zu machen. Interessanterweise zeigen nicht nur bindungsverstrickte Personen, von denen man das aufgrund ihres ausgeprägten Nähebedürfnisses erwarten würde, dieses Verhalten, sondern auch solche mit distanziertem Bindungsverhalten! Diese greifen sogar ganz besonders gerne auf allerlei Bekundungen und Kontakt mittels Textnachrichten zurück, da es eine gute Möglichkeit ist, über die Distanz Nähe herzustellen, ohne echte Nähe zulassen zu müssen. Wenn sie den anderen dann (wieder unbewusst) dort haben, wo sie ihn haben wollen (in der Abhängigkeit) wird der Kontakt immer weniger, oder es wechselt stark. 

Anmerkung: Es ist normal viel in Kontakt sein zu wollen, wenn man sich gegenseitig gut findet. Schließlich will man die andere Person für sich gewinnen und legt sich ins Zeug. Aber das oben Beschriebene unterscheidet sich davon deutlich.

Alles geht sehr schnell.
Ihr habt euch gerade kennengelernt und schon wird die gemeinsame Zukunft thematisiert, übers Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen gesprochen.

Verstrickte Personen machen das, um die Beziehung  möglichst schnell voranzutreiben. Sie stellen dich sofort den Eltern vor und versuchen dich möglichst schnell vollständig in ihr Leben zu integrieren, dich in eine Verbindlichkeit hineinzubringen. Diese meinen das mit den Zukunftsplänen absolut ernst und es kann gar nicht schnell genug gehen. Aber irgendwie ist es nie genug und es ist schwierig sie dauerhaft zufrieden stellen. 

Distanzierte Personen hingegen machen das aus anderen Gründen heraus. Die gebauten Luftschlösser sorgen für schnelle Abhängigkeit und der andere ist fortan eine verlässliche Quelle für Zuneigung, obwohl man ihn eigentlich auf Distanz hält. Diese rosige Zukunft wird nur wahrscheinlich in der Form nie eintreten. Das ist aber keine bewusste Manipulation, sondern die bindungsängstliche Person spürt in der ersten Verliebtheit ihre Ängste nicht. Die Gefühle sind nicht vorgegaukelt, sie gehen nur irgendwann in der Angst verloren, auch wenn das alles unbewusste Prozesse sind.

Das ist eher typisch für bindungsdistanzierte Personen. Ihre Worte passen nicht zu ihren Taten.
Sie beteuern, wie gern sie dich treffen würden und dich vermissen, und trotzdem seht ihr euch nur unregelmäßig.
Treffen werden kurzfristig abgesagt, alles bleibt vage, sie sind unzuverlässig und irgendwie kann man sie nicht greifen. Der Grund ist natürlich der, echte Nähe zu vermeiden und trotzdem den Kontakt nicht zu verlieren.

Bei bindungsverstrickten Personen äußert sich das eher so, dass sie versprechen sich zurückzunehmen oder „zusammenzureißen“, und sich ihr Verhalten aber nicht wirklich ändert. 

Dieses Verhalten ist eher bei bindungstraumatisierten Menschen anzutreffen. Ihr Verhalten wechselt stark zwischen heftigen Nähewünschen, und dann wieder Wegstoßen, weil die Nähe Angst macht. Wenn du erlebst, dass dein Gegenüber immer wieder zwischen diesen beiden Extremen wechselt, solltest du die Verbindung beenden. Solange die andere Person ihr Bindungstrauma nicht aufgearbeitet hat, kann sie nicht anders als sich so zu verhalten. Da ist nichts boshaftes dahinter, aber es wird dir absolut nicht gut tun in diesen Strudel hineingezogen zu werden. 

Besonders narzisstische Menschen (diese zeigen oft ein sehr ausgeprägt distanziertes Bindungsverhalten) haben einen Hang dazu das Gegenüber abzuwerten, um sich selbst besser zu fühlen.

Am Anfang tarnt sich das aber eher noch in „lustigen“ oder sarkastischen Bemerkungen. Da kommt nur so ein kleiner Stich mit, der dich aufhorchen lassen soll, wenn das öfters vorkommt. Wenn du den anderen damit konfrontieren solltest, dreht er es aber verlässlich so hin, dass du das falsch verstanden hast. Ja, das kann durchaus mal passieren, denn jeder hat seine wunden Punkte. Aber im Gegensatz zu jemanden der hier einen Zufallstreffer gelandet hat, wird die narzisstische Person diese Info (Oh, ein wunder Punkt! Gleich merken!) fortan bewusst einsetzen und gezielt auf diesen Punkt drücken. Das wird für dich dann unmissverständlich.

Ironischerweise sind diese Menschen aber selbst total empfindlich und schnell eingeschnappt, wenn du sie auch nur ansatzweise kritisierst. Und hauen dann entweder mit Worten ordentlich zurück oder bestrafen dich mit Nichtachtung, damit das narzisstische Gleichgewicht (du musst schwächer sein, damit derjenige seine Schwäche nicht spüren muss) wieder hergestellt ist.

Auch dieses Verhalten ist wieder typisch für distanzierte Personen besonders mit narzisstischen Anteilen, oder solchen mit Zügen einer Persönlichkeitsstörung. Sie flirten neben dir mit einer anderen Person, um zu testen, wie du reagierst. Und „triangulieren“ generell oft. Sie erzählen dir – wahre oder unwahre – Geschichten darüber wie begehrt sie sind, wer sie angeflirtet hat, usw. Das alles dient nur einem Zweck:
Dich zu verunsichern und sich selbst begehrenswerter/interessanter darzustellen!

Wann der erste Sex stattfindet, ist kein aussagekräftiges Kriterium für Bindungssicherheit. Dann, wenn es für dich/euch passt. 
Jedoch fällt bei bindungsunsicheren Personen manches auf: 

a) Bindungsverstrickte Personen können Nähe und Sex schwer voneinander trennen, dh sie brauchen die Körperlichkeit, und in diesem Falle das Gefühl der Verschmelzung mit dem anderen, ganz stark. Sie werden also ein ordentliches Tempo vorlegen.

b) Bindungsdistanzierte Personen haben auffällig oft Probleme mit Intimität und tun sich mitunter schwer sich fallen zu lassen. Das äußert sich zB in Erektionsstörungen. Frauen können das ja besser verbergen, wenn sie dahingehend Probleme haben. Nicht jede Erektionsstörung bedeutet aber Bindungsängstlichkeit. Vielleicht steckt nur Aufregung dahinter oder Leistungsdruck. 

Es gibt ein paar Dinge, bei denen du in jedem Fall gut überlegen solltest, ob du dich weiter mit der Person triffst:

  • Lügen (darunter fällt auch Verschweigen): Warum sollte diese Person in Zukunft ehrlich sein?
  • Suchtverhalten: Wenn du das Gefühl hast die Person trinkt oder nimmt Drogen, spielt oder was auch immer. Du kannst die Person nicht retten, also besser mal Abstand nehmen.
  • unklare Verhältnisse in Bezug auf Ex-Partner*innen: Vielleicht bist du nur ein Pflaster, um die frischen Wunden zu überdecken. Oder die Person ist notorisch am „Warmwechseln“, also überlappend von einer Beziehung (oder von einem G’schichtl) in die/das nächste gehend.

Letztlich ist der hilfreichste Tipp tatsächlich der: Hör auf dein Bauchgefühl. 

Manche Menschen haben so passende Masken auf, da kannst du mit dem Kopf nicht merken, was wirklich dahinter steckt.

Doch spätestens nach 3 Monaten fangen selbst die sorgfältigsten Masken zum Bröckeln an 
und das wahre Wesen, das echte Selbst, kommt durch. 

Das gilt für dein Gegenüber, aber natürlich auch für dich selbst.
Also am besten von Anfang an authentisch sein – es kommt ja sowieso irgendwann raus. 😉